Ein schulweites Konzept für Demokratiebildung und Mündigkeit
Warum antisemitismuskritische Bildung heute wichtiger denn je ist
„Du Jude!“ – dieser Ausruf ist auf deutschen Schulhöfen längst keine Seltenheit mehr, wie wissenschaftliche Studien zeigen. Auch provokant hingeschmierte Hakenkreuze oder übers Handy verschickte Hitler-Memes gehören an manchen Schulen zum Alltag. Diese beunruhigende Entwicklung macht deutlich: Antisemitismus ist kein rein historisches Problem, sondern eine aktuelle gesellschaftliche Herausforderung. Antisemitische Denkmuster finden wieder zunehmend Eingang in unseren Alltag – oft subtil in Verschwörungserzählungen oder in sozialen Medien, manchmal aber auch ganz offen. Dem wollen wir in Bad Arolsen vorbeugen.
Als Schule stehen wir in einer besonderen Verantwortung. Der Philosoph Theodor W. Adorno formulierte bereits 1966 einen klaren Auftrag an die Bildung: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Doch wie können wir diesem Anspruch gerecht werden? Adornos Antwort ist eindeutig: Wir müssen die Mechanismen verstehen, die zu Diskriminierung und Ausgrenzung führen, und wir müssen lernen, diese zu durchschauen.
Antisemitismus verstehen – mehr als historisches Wissen
Antisemitismus ist mehr als „nur“ ein Vorurteil gegenüber jüdischen Menschen. Er ist ein geschlossenes Weltbild, das auf einfache Erklärungen für komplexe Probleme setzt und dabei klare „Schuldige“ benennt. Anders als andere Formen der Diskriminierung konstruiert Antisemitismus sein Feindbild paradoxerweise als übermächtig: Jüdinnen und Juden werden nicht als „minderwertig“ dargestellt, sondern als geheimnisvolle Macht, die angeblich „im Hintergrund die Fäden zieht“.
Diese Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“ ist historisch gewachsen und findet sich heute in neuen Gewändern wieder – etwa wenn von „Globalisten“, „Deep State“ oder „Eliten“ die Rede ist. Gerade in Zeiten von Krisen werden solche vereinfachenden Erklärungsmuster attraktiv. Sie bieten scheinbare Sicherheit in einer komplexen, oft unübersichtlichen Welt.
Für unsere pädagogische Arbeit bedeutet das: Es reicht nicht aus, nur historisches Wissen über den Holocaust zu vermitteln. Wir müssen unsere Schülerinnen und Schüler befähigen, antisemitische Narrative auch in ihren aktuellen Erscheinungsformen zu erkennen – in den Medien, in sozialen Netzwerken, in politischen Diskursen.
Unser Konzept: Früh beginnen, kontinuierlich arbeiten, Handlungskompetenz entwickeln
Der Arbeitskreis Vielfalt der Christian-Rauch-Schule hat in intensiver Arbeit ein umfassendes Konzept zur antisemitismuskritischen Bildungsarbeit entwickelt. Im Januar 2025 wurde dieses Konzept von der Gesamtkonferenz ohne Gegenstimmen verabschiedet – ein starkes Zeichen unserer gesamten Schulgemeinschaft.
Das Konzept basiert auf drei zentralen Prinzipien:
- Früh beginnen: Bereits ab Klasse 6 setzen wir an – nicht mit dem Holocaust, sondern mit grundlegenden Fragen: Was ist Diskriminierung? Wie entsteht Ausgrenzung? Welche Verantwortung tragen wir für ein respektvolles Miteinander? Die Schülerinnen und Schüler entwickeln in einem Workshop einen Klassenvertrag gegen Diskriminierung.
- Kontinuierlich arbeiten: Statt einzelner Projekttage ziehen sich verschiedene Bausteine durch alle Jahrgangsstufen. Von jüdischem Leben im Mittelalter in Klasse 7 über die Analyse antisemitischer Codes in sozialen Medien in Klasse 9 bis hin zur Auseinandersetzung mit Erinnerungspolitik in der Oberstufe – die Komplexität wächst mit dem Alter. Wichtig ist dabei, dass wir einmal (für alle) eine Basis im Unterricht legen, die in verschiedenen Jahrgängen in außerunterrichtlichen Projekten (für Freiwillige) wahlweise vertieft werden kann.
- Handlungskompetenz entwickeln: Unsere Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur Wissen erwerben, sondern auch lernen, antisemitischen Äußerungen zu widersprechen und für eine offene, demokratische Gesellschaft einzutreten. Sie lernen, kritisch zu hinterfragen, Quellen zu prüfen und sich aktiv gegen Diskriminierung einzusetzen.
Besondere Chancen durch lokale Kooperationen
Als Schule in Bad Arolsen haben wir das Privileg, direkt mit den Arolsen Archives zusammenzuarbeiten – dem weltweit größten Archiv zu den Opfern des Nationalsozialismus. In der Projektwoche arbeiten unsere Schülerinnen und Schüler ab Klasse 10 an Kampangen wie #everynamecounts, #stolenmemory oder ähnlichen Projekten. Sie helfen dabei, die Namen der Opfer für die Nachwelt zu bewahren oder persönliche Gegenstände an Nachfahren zurückzugeben. Diese direkte Begegnung mit den Schicksalen einzelner Menschen macht Geschichte konkret und berührend.
Auch andere Bausteine verbinden Theorie und Praxis: Der Besuch der Gedenkstätte Buchenwald während der Weimarfahrt, die Auseinandersetzung mit dem Jüdischen Museum und der Topographie des Terrors in Berlin, oder die Gestaltung von Gedenkveranstaltungen zum 9. November oder 27. Januar.
Ein Bildungsziel für unsere demokratische Zukunft
Antisemitismuskritische Bildung ist kein isoliertes Sonderthema, sondern gehört zum Kern demokratischer Bildung. Wer lernt, antisemitische Denkmuster zu durchschauen, entwickelt gleichzeitig wichtige Kompetenzen: kritisches Denken, Empathiefähigkeit, Medienkompetenz und die Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen.
In einer Zeit, in der rechtspopulistische Strömungen erstarken und Verschwörungserzählungen Konjunktur haben, ist diese Form der Bildung wichtiger denn je. Adorno betonte, dass die „einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz“ die Autonomie sei – „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“
Genau darum geht es: Wir wollen junge Menschen erziehen, die selbstständig denken, die Zivilcourage zeigen, die nicht jeden Trend mitmachen und die für eine offene, vielfältige Gesellschaft einstehen. Das ist unser Beitrag dafür, dass Auschwitz – und alles, wofür dieser Name steht – tatsächlich nie wieder geschieht.
Für den AK-Vielfalt: Lisa Gertenbach und Julian Timm
